Samstag, 24. September 2016

Netzwerker im Dienste des Pflanzenschutzes


Die DPG e.V. zeichnet Prof. Dr. Bernd Böhmer mit der der Otto-Appel-Denkmünze aus. Der DPG-Nachwuchs gratulierte recht herzlich und traf sich zu einem Interview mit dem Preisträger.

Frage: Was bedeutet Ihnen die Auszeichnung mit der Otto-Appel-Denkmünze, wenn Sie Bedenken, dass Otto Appel einer DER Organisatoren des Deutschen Pflanzenschutzes war?
Es ist mir eine große Ehre, dass ich diese Auszeichnung erhalten darf. Der Deutsche Pflanzenschutzdienst, ist ja eine Organisation, die es in dem Sinne eigentlich gar nicht gibt, denn Pflanzenschutz obliegt der Länderhoheit. Daher müssen immer engagierte Leute bemüht seine dieses deutschlandweite Netzwerk aufrecht zu erhalten und die Länder Organisationen zu bündeln und verknüpfen. Die Bundesinstitutionen und insbesondere das Julius-Kühn-Institut (JKI) haben die große Aufgabe, diese Bündelfunktion wahrzunehmen und die einzelnen Pflanzenschutzinstitutionen in den Ländern dadurch zu stärken. Dazu habe ich versucht meinen Beitrag zu Leisten und ich denke, dass uns dies gemeinsam in den letzten Jahren ganz gut gelungen ist.


Frage: Was denken Sie sind die herausragenden Tätigkeiten oder Errungenschaften, für die Sie die Auszeichnung erhalten?

Es muss Menschen geben, die davon überzeugt sind, dass diese Zusammenarbeit wichtig ist. Ich denke auch, dass meine langjährige Tätigkeit im Sachverständigen-Ausschuss, mein Engagement in der Lehre und die Arbeit in verschiedenen Bundesgremien über meine eigentliche dienstliche Tätigkeit in NRW hinaus, die Gründe sind weshalb ich nun die Auszeichnung erhalten darf


Frage: Was hatten Sie sich immer vorgenommen anzugehen und es bisher nicht geschafft?

Wir haben uns in den letzten Jahren sehr bemüht die Computertechnik zu nutzen, um die Vielfalt des Integrierten Pflanzenschutzes (IP) zu bündeln, vielleicht verständlicher zu machen und auch einfacher zu gestallten. Ich denke, dass uns das mit dem Netzwerk ISIP gelungen ist, doch einige Informationen für Landwirte und Gärtner verfügbarer zu machen und auch über die Expertensysteme Infektionswahrscheinlichkeiten besser absehen zu können. Dieses Netzwerk, was jetzt zur Verfügung steht, das ich für einen wirklich großen Schritt halte, ist aber noch besser nutzbar, wenn man die Berater intensiver mit einbezieht. Die automatische Verknüpfung von schlagbezogener Infektionswahrscheinlichkeit mit den Empfehlungen des vertrauten  Beraters, der die Situation vor Ort beurteilt, die fehlt in weiten Teilen und diese wichtigen Elemente hätte ich gerne miteinander verbunden, weil es nicht nur für die Beratung eine große Effizienzsteigerung bringen würde, sondern auch für den Landwirt, der die Informationen abfragt.


Gab es Persönlichkeiten, die Ihre Laufbahn entscheidend geprägt haben?

Sicherlich sind es immer Menschen, die an verschiedenen Stellen entscheidend für die eigene Entwicklung und das Fortkommen sind. Angefangen vom Elternhaus, bis hin zu Begleitern in Ausbildung und im Berufsleben. Sicherlich hat mein Doktorvater mich auf den richtigen Weg gebracht und mir einiges aufgezeigt, aber es sind nicht nur Personen. In meinem Fall war es auch die Entwicklung in den 60er und 70er Jahren, die sehr Produktionsorientiert war und dann auch zu sehr starken Diskussion zur Nachhaltigkeit und zum Umweltschutz geführt hat. Dieses Spannungsfeld zwischen Produktionssteigerung und Nachhaltigkeit hat mein Berufsleben begleitet und dann auch die entscheidenden Weichen gestellt.


Die diesjährige 60. Deutsche Pflanzenschutztagung steht unter dem Motto: „Pflanzenschutz: Effizienz und Vielfalt“. Welche Gedanken gehen Ihnen zu diesem Thema durch den Kopf?

Ganz spontan, dass was wir eben gerade angesprochen haben. Wir haben ein vielfältiges Gebilde Integrierter Pflanzenschutz (IP). Kaum überschaubar sind die Möglichkeiten und kaum überschaubar sind die Wege zum IP, die ja weniger aus der Sicht der Pflanzenentwicklung her gesehen werden müssen in Zukunft, als von der Absatzseite. Wir haben viele Jahre versucht Verfahren in die Produktion einzuführen, das ist uns mehr oder weniger gelungen, da Absatzwege, Qualitäten und Wünsche der Verbraucher zu wenig berücksichtigt wurden. In der Zukunft müssen wir mehr die Ökonomie, die Absatzwege und Qualitäten mit entsprechenden Produktionswegen im Kopf haben. Das heißt, ein ganz vielfältiger IP und das ist den Produzenten sicherlich nur zu vermitteln, wenn wir die technischen Möglichkeiten, die wir durch die Computertechnik haben, entsprechend einsetzten. Also die Verknüpfung der Möglichkeiten durch die Computertechnik und der Vielfältigkeit des IPs, die muss den Produzenten am Ende mehr Klarheit bringen und dem Verbraucher natürlich auch.


Ruhestand mit oder ohne Phytopathologie: Inwieweit haben Sie vor, sich weiter aktiv einzubringen?

Wenn man ein Leben lang im Pflanzenschutz tätig war, - und Pflanzenschutz war schon vor dem Studium mein Ziel, - dann möchte man dieses Aktivitätsfeld auch nicht von einem auf den anderen Tag verlassen. Ich werde in der Lehre aktiv bleiben und ich werde versuchen mich an verschiedenen Stellen als Berater einzubringen. Also wo mein Rat gefragt ist, bringe ich ihn gerne noch ein, vielleicht einen Gang langsamer als während der hauptberuflichen Zeit.


Der Einsatz chemischer Pflanzenschutzmitteln in der Landwirtschaft wird immer stärker in der Öffentlichkeit diskutiert. Welchen Beitrag sollten wir als Fachleute zu dieser Diskussion leisten?

Aus meiner Sicht, liegt das Problem darin, dass die Gesellschaft den chemischen Pflanzenschutz aus einer Angst heraus beurteilt. In vielen Fällen sind es nicht die fachlichen Kenntnisse die dem Verbraucher fehlen, sondern es sind die Ängste, die ihm genommen werden müssen. Ich erwarte noch mehr als in der Vergangenheit, dass Fachleute in der Lage sein werden, sachlich zu informieren, um auf diese Art und Weise den Verbrauchern die Angst zunehmen, die von Gegnern des chemischen Pflanzenschutzes geschürt wird.


Helfen da Aktionen, wie der Erlebnisbauernhof?

Ja, Pflanzenschutz oder Pflanzenbau zum Anfassen! Immer dann, wenn der Verbraucher Kontakt zu den einzelnen Maßnahmen oder zur Produktion bekommt, dann versteht er und sieht auch welche Möglichkeiten und welche tatsächlichen Gefahren lauern. Und wir können nicht verschweigen, dass ein gewisses Restrisiko beim chemischen Pflanzenschutz vorhanden ist. Das ist für den Verbraucher nicht kalkulierbar. Erst wenn er sieht, wie mit Pflanzenschutzmitteln umgegangen wird, wie chemische Pflanzenschutzmittel zugelassen und eingesetzt werden, welche Gefahren tatsächlich mit diesen Stoffen verbunden sind, dann ist es in der Lage das Restrisiko für sich zu werten. In vielen Fällen, wird er dann auch leichter akzeptieren und nicht so angstbesetzt sein.


Angenommen Ihr Enkel erklärt Ihnen, dass er nur noch Bio-Produkte isst…

Bio ist, wenn es kontrolliert angebaut und gelagert wird gut. Wenn er sich das ein Leben lang leisten kann, freue ich mich für ihn. Beim Bio-Anbau sind wir als Pflanzenschützer aber noch mehr gefragt, weil die Diskussion um das rechtzeitige Verhindern von Pflanzenkrankheiten und so auch die potentielle Gefahr der Entwicklung von Mykotoxinen viel intensiver ist als im integrierten Anbau. Ich wünsche mir auch, dass man im integrierten Anbau verstärkt im Vorhinein bedenkt welche resistenten Sorten haben wir, wie kann man frühzeitig auf etwaige Krankheitsentwicklung reagieren. Also Bio-Anbau ist eine gut Sache, leider kann man mit dieser Produktionsform den Ertrag nicht in dem Maße sicherstellen, wie wir das zur Ernährung der Bevölkerung im großen Stil brauchen. Deshalb ist die Bio Produktion teurer als die integrierte Produktion. Wenn er sich das leisten kann, freue ich mich für ihn.

Das Interview führte Marlene Leucker (Bonn)


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