Professor Holger B. Deising
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Professor für Phytopathologie und Pflanzenschutz
In der
Europäischen Union und in Deutschland gibt es ein komplexes Zulassungsverfahren
für Pflanzenschutzmittel und die in ihnen enthaltenen Wirkstoffe, das die
akuten und langfristigen Risiken für Verbraucher und Umwelt minimiert. Im Jahr
2014 wurden weniger als 5% der in Deutschland zugelassenen Pflanzenschutzmittel
als sehr giftig oder giftig eingestuft. Über 50% der Pflanzenschutzmittel
hatten gar keine Gefährlichkeitseinstufung! Und dennoch: Pflanzenschutzmittel
sind unerwünscht, die Öffentlichkeit und die Verbraucher wünschen ökologisch
angebaute Nahrung, frei von chemischen Mitteln. Bio und Öko sind gut,
chemischer Pflanzenschutz ist schlecht, so einfach und plakativ ist oft das
Weltbild, wenn's um Pflanzenschutzmittel geht. Das Irrationale dabei ist, dass
eine Gesellschaft, die zu Recht stolz auf ihre Wissenschaftler ist, der
Wissenschaft nicht vertraut. Man erfährt's am eigenen Leibe: Führt man in einem
Interview die positiven Aspekte des chemischen Pflanzenschutzes ins Feld, so
kommt fast unweigerlich die Frage: "Werden Sie oder wird Ihr Labor von der
chemischen Industrie unterstützt?" Die Lösung für das Problem der Angst
vor chemischen Pflanzenschutzmitteln könnte im biologischen Pflanzenschutz
liegen, z.B. im Einsatz antagonistischer Mikroorganismen gegen die
Krankheitserreger unserer Kulturpflanzen. Schon die Namen dieser Präparate,
Biologicals, Biologics o.ä., versprechen Gesundheit, denn all die Dinge, die
aus der Natur kommen, Bio eben, müssen gesund sein, so der Glaube des
Verbrauchers.
Welch ein
Irrglaube! Die toxischsten Mittel stammen aus der Natur, und das ist nicht
erstaunlich, denn die Natur hatte Millionen und Abermillionen Jahre Zeit, um
Wirkstoffe zu optimieren. Das Batrachotoxin der
Pfeilgiftfrösche beispielsweise, ein Steroid-Alkaloid, ist ein stark
kardiotoxisches Nervengift. Die Batrachotoxin-Menge eines einzigen Frosches -
das sind ca. 1,1 mg - kann ausreichen, um 20.000 Mäuse zu töten. Für einen
Menschen ist bereits die Injektion von 2-7 µg tödlich. Das Maß für die akute
Toxizität ist die Dosis einer Substanz, bei der nach einmaliger Gabe 50% der
Versuchstiere sterben. Das ist die LD50, letale Dosis für 50% der
Tiere. Die LD50 für das natürlich Pfeilgift Batrachotoxin - 2-7 µg
sind tödlich, man gehe von einer 70 kg schweren Person aus - läge bei 30 -100
ng/kg. Nanogramm, nicht Mikro- oder gar Milligramm! Verglichen damit ist die
Toxizität (LD50 Maus oral) von Strychnin, dem berüchtigten
Nervengift aus den Samen der Brechnuss Strychnos
nux-vomis, mit 2,35 mg/kg eher gering. Und wie sieht's aus mit den akuten
Toxizitäten zugelassener chemischer Pflanzenschutzmittel? Um bei den vermeintlich
hoch-toxischen Nervengiften zu bleiben, die gegen Schädlinge eingesetzt werden:
Die LD50-Werte (Ratte oral) für Acetylcholinesterase-Hemmer wie Methiocarb,
Pirimicarb und das viel diskutierte Dimethoat liegen bei 100, 147 und 387 mg/kg.
Bei anderen Pflanzenschutzmitteln, den Fungiziden, ist die Toxizität weit
geringer. Die LD50 Werte der häufig eingesetzten Azol-Fungizide
liegen bei ca. 1,5 g/kg Körpergewicht und darüber. Gramm, nicht Milligramm! Für
Tebuconazol beträgt der Wert 1,7 g/kg und die LD50 des
Strobilurin-Fungizids Kresoxim-Methyl, des ersten zugelassenen Fungizids dieser
Klasse, liegt bei 5 g/kg Körpergewicht. Für eine 70 kg schwere Person entspräche
das 350 Gramm. Der Dauerbrenner der öffentlichen Diskussion, das Herbizid
Glyphosat, hat eine LD50 (Ratte oral) von 10 g/kg, 700 g für den o.g.
70 kg-Probanden, eine absurde Menge, wenn man befürchtet, man könne das
versehentlich zu sich nehmen! Die LD50 für Kochsalz - auch wenn die
meisten Menschen es schon nicht mehr hören können - beträgt übrigens nur 3 g/kg
Körpergewicht. Diese täglich und gerne verwendete "Chemikalie" ist
also deutlich toxischer!
Doch
die akute Toxizität ist nicht alles. Wie werden wir vor Schäden geschützt, die
durch die Aufnahme von Pflanzenschutzmitteln über längere Zeiträume entstehen,
wie geht man mit der sogenannten chronischen Toxizität von
Pflanzenschutzmitteln um? Mindestens ein Drittel der Kosten, die bei der
Zulassung chemischer Pflanzenschutzmittel anfallen, wird für toxikologische
(einschließlich ökotoxikologischer) Untersuchungen aufgewendet. Bei diesen
Untersuchungen stehen die Kanzerogenität, die Mutagenität und der Teratogenität
im Zentrum, hinzu kommen Untersuchungen zur Reproduktionsfähigkeit. Von ca. 150.000
Substanzen, die getestet werden, wird nur eine am Markt zugelassen, ein klarer
Beleg für die Stringenz und die Sicherheitsansprüche bei den
Zulassungsverfahren. In die Zulassung von Pflanzenschutzmitteln sind neben dem
Bundesamt für Verbraucherschutz drei Bewertungsbehörden, das
Julius-Kühn-Institut, das Bundesinstitut für Risikobewertung und das
Umweltbundesamt eingebunden, und diesen Institutionen obliegt der
Verbraucherschutz und die Minimierung der Risiken, die mit dem Einsatz
chemischer Pflanzenschutzmittel verbunden sind.
Man
kann anderer Meinung sein als ich. Dieser Artikel ist meine persönliche Sicht
auf den Pflanzenschutz, meine persönliche Sicht und nicht die Sicht des
Vorsitzenden der Deutschen Phytomedizinischen Gesellschaft (DPG), auch nicht
die offizielle Sicht der DPG. Ich sage nicht, dass der chemische Pflanzenschutz
frei von Risiken ist. Nicht umsonst erfolgt die Zulassung von
Pflanzenschutzmitteln nach dem derzeitigen Wissensstand, und das schließt den methodischen
Wissensstand ein. Und nicht umsonst hat der Gesetzgeber Anwendungsverbote und
-beschränkungen vorgesehen. Um die Minimierung der Risiken des Pflanzenschutzes
im Sinne der Verbraucher effizienter zu gestalten, ist es mein Apell, den Fokus
auszudehnen und die Beurteilung der Nutzen und der Risiken nicht ausschließlich
auf den chemischen Teil des Pflanzenschutzes zu richten. Wie groß ist das
Risiko, das durch die Kontamination von Lebensmitteln mit Mycotoxinen entsteht?
Das Risiko durch Mycotoxine wird dramatisch unterschätzt! Wie groß wären Nutzen
und Risiken, die mit dem Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen verbunden
wären? Der Nutzen wäre immens, z.B. durch Reduzierung des Einsatzes chemischer
Pflanzenschutzmittel, und die Risiken sind experimentell testbar. Wie groß ist
das Risiko, das durch die Sekundärmetabolite vermeintlich nützlicher
Mikroorganismen entsteht? Mikroorganismen
verfügen über eine enorme Vielzahl von Sekundärmetaboliten. Der Modell-Pilz Aspergillus nidulans beispielsweise kann
32 Polyketide, 14 nichtribosomale
Peptide und zwei Indol-Alkaloide produzieren. Interessanterweise wurde kürzlich
gezeigt, dass Mikroorganismen, wenn sie in Interaktionen mit anderen treten und
multi-Spezies Gemeinschaften bilden, stille Gencluster aktivieren und neue,
bisher unbekannte Sekundärmetabolite synthetisieren. Um zur Diskussion des
Risikos zurückzukehren, das vom Pflanzenschutz - in diesem Falle vom
biologischen Pflanzenschutz - ausgeht: Wie kann man vorhersehen, ob durch die
Ausbringung antagonistischer Mikroorganismen mikrobielle Gemeinschaften erzeugt
werden, in denen der eine oder der andere Partner neue und chemisch diverse Sets
von Sekundärmetaboliten bilden, deren toxikologischen Eigenschaften vollkommen
unbekannt sind und deren Effekte für unsere Gesundheit möglicherweise
dramatisch sein könnten. Werden von Mikroorganismen unter den Bedingungen der
Konfrontation mit anderen kanzerogene, mutagene oder teratogene Substanzen
gebildet? Auch dieser Bereich, vielleicht sogar gerade dieser Bereich braucht
unsere Zuwendung, denn Bio und Öko sind nicht zwangsläufig gut. Und chemische
Pflanzenschutzmittel sind nicht zwangsläufig schlecht! Die Gefahr, die
mikrobielle Sekundärmetabolite darstellen, wird deutlich unterschätzt und wir wären
gut beraten, diese Risiken experimentell und im Rahmen von Zulassungsverfahren
von Pflanzenschutzmitteln, chemischen wie biologischen, zu berücksichtigen.


