Samstag, 24. September 2016

Gedanken zur 60. Deutschen Pflanzenschutztagung in Halle


Präsident und Professor Dr. Georg F. Backhaus
Die Deutsche Pflanzenschutztagung ist eine der wichtigsten Tagungen in Deutschland. Abgesehen davon, dass Sie der Präsident des JKI sind, sind Sie auch der Vorsitzende des Programmkomitees. Das Motto der diesjährigen 60. Pflanzenschutztagung ist: „Pflanzenschutz: Effizienz und Vielfalt“. Was hat das Programmkomitee dazu bewegt, sich für dieses Motto zu entscheiden? Was war der Auslöser für das Motto?
Das Motto wurde nach einer umfassenden Diskussion im Programmkomitee (die Deutsche Phytomedizinische Gesellschaft, Julius Kühn-Institut, Pflanzenschutzdienste der Länder, Gesellschaft für Pflanzenbauwissenschaften, Gesellschaft für Züchtungsforschung, BMEL, Universitäten, Verbände) bestimmt. Vielfalt, Diversität und Biodiversität ist ein wichtiges Thema im öffentlichen sowie im politischen Raum. Vor dem Hintergrund haben wir versucht, zwei dominierende Diskussionsblöcke zu integrieren, die es momentan in den Agrarwissenschaften aber auch im gesamten Agrarbereich gibt. Der eine ist die Forderung nach nachhaltiger Intensivierung und Effizienz. Begrenzte Agrarflächen, auf denen zukünftig mit Blick auf die Bioökonomie biogene Rohstoffe erwirtschaftet werden, müssen in der Zukunft noch intensiver und vor allem effizienter genutzt werden. Denn der Bedarf an Kulturpflanzen bzw. Pflanzenmasse wird voraussichtlich stark steigen, und das nicht ausschließlich aufgrund der steigenden Nahrungsmittelbedarf der Welt. Ein weiterer Grund hierfür liegt in der chemischen Industrie, die derzeit noch rund 85 % der Rohstoffe aus fossilen Rohstoffen gewinnen. Um den Verbrauch der fossilen Rohstoffe zu reduzieren, wurden von der Bundesregierung sowie in über 40 weiteren Ländern der Welt Strategien zur Bioökonomie oder biobasierten Wirtschaft entwickelt. Die Ressourcenerzeugung soll aus wiederverwertbaren und biogenen Rohstoffen erfolgen, dabei wird höchstwahrscheinlich die Pflanzenproduktion und die damit verbundenen Pflanzenschutzmaßnahmen eine sehr wichtige Rolle haben. Die Pflanzenschutzmaßnahmen sollen nicht nur zu einer intensiveren Flächenleistung, sondern auch zu einer gesteigerten Effizienz auf einer Fläche beitragen, um zeitgleich die negativen Effekte für die Umwelt zu minimieren. Vielfalt ist der zweite wichtige Aspekt unserer Tagung. Die geforderte Effizienz kann nur dann gewährleistet werden, wenn wir wieder eine größere Kulturpflanzenvielfalt in der Agrarlandlandschaft erreichen. Dies kann erfolgen z.B. durch Einbeziehen weiterer Kulturpflanzenarten, nachhaltige Fruchtfolgesysteme, Förderung von Nützlingsvielfalt durch biologisch orientierte Agrarstrukturmaßnahmen, Steigerung der genetischen Vielfallt in den Kulturpflanzen. Ziel ist es: effiziente Produktionsverfügbarkeit herzustellen und dabei gleichzeitig die Vielfalt, die gefordert wird und die notwendig ist, zu steigern. Bei der 60. Pflanzenschutztagung soll gezeigt werden, wie wir resiliente Pflanzenbausysteme aufbauen können, bei denen der Pflanzenschutz ein sehr wichtiger Schlüsselfaktor neben der Züchtungsforschung sowie der nachhaltigen Nutzung von Boden- und Wassersystemen ist.


Was erwarten Sie von der Tagung? Was soll mit der Tagung erreicht werden?
Das Motto steht für die ganze Tagung und insbesondere für die Plenarveranstaltung. Es wurden drei Referenten eingeladen, die Vorträge zu dem Thema halten. Die Plenarveranstaltung wird durch einen Journalisten moderiert. Hierbei soll das Publikum seine Ideen und Fragen einbringen und auch kritisch nachfragen. Wir hoffen auch, dass das Motto in die Einzelsektionen hinein streut. Desweiteren sollen die Probleme beim Pflanzenanbau zusammen mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern analysiert werden, um dann eventuell Lösungen zu erarbeiten.


Ist die Internationalität der Pflanzenschutztagung gefährdet (Sektionen Tropen und Subtropen wurden ausgenommen)?
Primär ist die Pflanzenschutztagung eine nationale Konferenz, und damit ist die Tagungssprache deutsch. Wir haben trotzdem Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus insgesamt über 20 Ländern. Mit der Pflanzenschutztagung wollen wir bewußt die internationalen Kongresse (z. B. den International Congress on Plant Protection oder den International Congress on Plant Pathology) nicht doppeln. Wir lassen die Tagung auch deswegen bewußt in deutscher Sprache, weil wir die Deutsche Pflanzenschutztagung bewusst auf eine breite Teilnehmerschaft auslegen. Wir möchten auch Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben, die sich mit der englischen Sprache unwohl füllen. Wir sind jedoch nicht dogmatisch. Doktoranden, die aus fernen Ländern kommen, bei uns ihre Dissertation anfertigen und spannende Ergebnisse erzeugt haben, können diese auf englisch bei der Tagung präsentieren.


Bei der Organisation der PST sind drei Veranstalter beteiligt: JKI, Deutsche Phytomedizinische Gesellschaft (DPG) und Pflanzenschutz der Länder. Wie wichtig ist Ihnen die Zusammenarbeit mit den DPG und Pflanzenschutz der Länder?
Traditionell sind die Veranstalter der Tagung seit 100 Jahren der deutsche Pflanzenschutzdienst, und früher die Biologische Reichsanstalt bzw. Biologische Bundesanstalt, dessen Nachfolger das Julius Kühn-Institut ist, und seit etwa den 60er Jahren ist auch die DPG ein wichtiger Partner. Die DPG unterstützt das JKI logistisch und finanziell. Die Pflanzenschutzdienste helfen uns insbesondere in der Region, wo die jeweilige Tagung stattfindet. Die Vertreter des Pflanzenschutzdienstes, in deren Bundesland wir tagen, sind dann Mitglieder im Organisationskomitee. Die Hauptlast der Organisation trägt jedoch das JKI.


Wie wichtig ist die Zusammenarbeit mit der DPG und dem Pflanzenschutz der Länder?
Die Zusammenarbeit mit der DPG ist ausgesprochen wichtig. Fast alle Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler am JKI sind in einem der DPG-Arbeitskreise aktiv. Viele Kolleginnen und Kollegen sind in der DPG. Ich war selber einige Jahre lang Vorsitzender und Mitglied des Vorstands. Der durch die DPG organisierte wissenschaftliche und fachliche Austausch über Organisationsgrenzen hinweg ist extrem wertvoll, ebenso wichtig die Arbeit mit dem wissenschaftlichen Nachwuchs. Die Arbeit mit den Pflanzenschutzdiensten ist uns ebenfalls sehr wichtig. Wir als JKI haben viele Aufgaben, die in unmittelbaren Zusammenhang mit den Aufgaben der Bundesländer stehen. Diese werden von den Pflanzenschutzdiensten wahrgenommen. Deswegen stehen wir im engen Kontakt, nicht nur über die Pflanzenschutztagung, sondern auch über die Arbeitssitzung des Deutschen Pflanzenschutzdienstes, Amtsleitersitzungen usw. Wir haben mit dem Pflanzenschutz der Länder eine über 100 Jahre gewachsene, sehr enge Kooperation, die wir sehr schätzen und für die wir dankbar sind.


Meinen Sie, es ist weitere Zusammenarbeit mit anderen Fachgesellschaften notwendig und wenn ja, mit welchen?
Wir haben an die Pflanzenschutztagung einen umfassenden Anspruch. Es soll ein Austausch statt finden. Das bedeutet, von Interesse sind nicht nur unmittelbare Informationen zu Bestandteilen des Pflanzenschutzes, wie Chemikalien und Nützlinge, sondern auch Pflanzenbausysteme sowie Resistenzzüchtung und wie das den Pflanzenschutz beeinflußt. Daher macht es Sinn, dass wir auch mit den anderen Fachgesellschaften zusammenarbeiten. Seit ein paar Jahren haben wir im Organisationskomitee z.B. Herrn Prof. Dr. Ordon als Geschäftsführer der Gesellschaft für Züchtungsforschung und Herrn Prof. Dr. Märländer als Vertreter der Gesellschaft für Pflanzenbauwissenschaften vertreten. Diese Gesellschaften organisieren innerhalb der Pflanzenschutztagung eigene Sektionen. Desweiteren haben Prof. Dr. Märländer und ich mit den anderen Fachgesellschaften diskutiert, ob man in einem größeren Zeitabstand, sagen wir zehn Jahren, eine größere deutsche gemeinsame Tagung organisieren könnte, wo alle Fachgesellschaften gemeinsam nach außen zeigen, was sie können. Dies erwies sich leider als schwierig und erst einmal nicht umsetzbar.


Der Einsatz von chemischen Pflanzenschutzmitteln in der Landwirtschaft wird immer stärker in der Öffentlichkeit diskutiert. Welchen Beitrag können wir als Wissenschaftler zu dieser Diskussion leisten?
Aufklären in der Öffentlichkeit. Deutlich machen, wie ist überhaupt zu der Entwicklung der Pflanzenschutzmittel gekommen ist, und dass effizienter Pflanzenbau ohne ausgeklügelten Pflanzenschutz nicht möglich ist. Bewusst machen, dass wir alleine in Deutschland vier Behörden haben mit Fachleuten, die die Pflanzenschutzmittel bewerten. Das erweist sich manchmal als schwierig, da das Thema in der Öffentlichkeit stark emotionalisiert ist, und manchmal kann man leider mit Fachargumenten wenig ausrichten. Dies könnte u. a. am geringen Anteil von 1,5 % der Bevölkerung liegen, die noch unmittelbar mit der Landwirtschaft verknüpft sind. Es fehlt oft an einer Wertschätzung dafür, wie schwierig manchmal die Erzeugung von marktgerechten Lebensmitteln ist. Die sachgerechte Aufklärung sollte bereits in den Schulen anfangen. Daher hat das JKI z. B. eine Kooperationsvereinbarung mit einem Gymnasium in Quedlinburg. Die Oberstufenschüler mit dem Leistungskurs Biologie können ein bis zwei Mal im Jahr im JKI lernen, wie wichtig Genetik, Resistenzforschung und Züchtungsforschung sind und vor allem, wie das funktioniert. Das müsste man noch viel mehr machen, gerade auch für den Pflanzenschutz. Denn später haben sich die Meinungen bereits verfestigt, dann ist es oft zu spät.


Wie kann der integrierte Pflanzenschutz in der Hinsicht auf den Einsatz von biologischen Maßnahmen (z. B. Nützlinge) gefördert werden?
Der direkte Einsatz von Nützlingen hat sich unter Glas besonders gut etabliert, in viel geringerem Maße auch hier und da im Freiland (z. B. Maiszünslerbekämpfung oder Einsatz von Apfelwicklergranuloseviren). Im Weinbau ist auch der Pheromoneinsatz eine Erfolgsgeschichte. Dennoch glaube ich nicht, dass es in absehbarer Zeit gelingen wird, auf die chemischen Pflanzenschutzmitteln zu verzichten. Muss man auch nicht, denn wenn die Mittel hoch intensiv, verantwortlich und gut geprüft sind, gibt es nicht unbedingt einen Grund, auf sie zu verzichten. Aber es gibt sicherlich eine Menge Möglichkeiten, die Anwendungshäufigkeiten oder Anwendungsmengen zu reduzieren z.B. auf der technischen Ebene, und insbesondere Risikomanagement zu betreiben. Das ist übrigens Inhalt des Nationalen Aktionsplans Pflanzenschutz, an dem wir gemeinsam arbeiten. 


Wo sehen Sie Chancen und Probleme in der Forschung?
Forschung bietet viele Chancen, man muss der Forschung die entsprechende Freiräume lassen. Für die Zukunft sehe ich große Chancen in der Züchtung, insbesondere mit dem Fortschritt der neuen Züchtungstechnologien (wenn die angewendet werden dürfen). Großes Potential liegt m. E. auch beim biologischen Pflanzenschutz, wenn der Sprung von der Forschung in die Entwicklung besser gelingen sollte als bisher. Wenn man Mikroorganismen mit modernen molekularbiologischen Methoden charakterisiert und dadurch vielleicht anpassen könnte, dann könnten eventuell die biologischen Pflanzenschutzmittel wirksamer und besser anwendbar gestaltet werden. Weitere Forschung ist bei der Charakterisierung der Krankheitserreger und Schädlinge wichtig. Forschung an Symbionten und Endophyten ist auch ganz spannend. Die Untersuchungen zu Nutzungsmöglichkeit der Pflanzeninhaltsstoffe sind auch noch nicht ganz ausgeschöpft. Probleme in der Forschung bestehen in der Finanzierung und Forschungsförderung. Man könnte die Forschungsförderung noch stärker in Richtung Bioökonomie und angewandte Wissenschaften steuern. Manche Forscher beklagen, dass die Verfahren, um an Forschungsmittel zu kommen, extrem kompliziert geworden sind, das kann man auch tatsächlich nicht verleugnen. Wachsende Nachwuchsprobleme auf bestimmten Gebieten dürfen auch nicht vernachlässigt werden, da sich die Hochschulen zunehmend auf bestimmte Bereiche spezialisieren. Insbesondere der wissenschaftliche Nachwuchs in dem Bereich der Anwendungstechnik oder Hochschulabsolventen mit praktischen Kenntnissen in der Landwirtschaft sind zunehmend schwer zu finden. Deshalb halte ich es für enorm wichtig, dass das JKI sich in enger Kooperation mit Hochschulen und Universitäten an der Ausbildung beteiligt.


Sie verleihen die Otto-Appel-Denkmünze, finden Sie außerdem noch Zeit zum Vorträge anzuhören?
Ja ich versuche mir schon Vorträge anzuhören in bestimmten Sektionen. Am ersten und zweiten Tag ist jedoch schwierig, da für mich viele andere Nebenveranstaltungen vorhanden sind.


Welche Sektionen sind für Sie von besonderem Interesse?
Von großem Interesse sind für mich die Sektionen: Rechtliche und andere Rahmenbedingungen im Pflanzenschutz, biologischer Pflanzenschutz, und Wirt-Parasit-Beziehungen. Desweiteren höre ich mir auch gerne Vorträge von Themen, in denen ich mich nicht so gut auskenne, um dabei was Neues zu lernen.


Das Interview führte Nelli Rempe-Vespermann (JKI)

 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen